{"id":324,"date":"2021-03-28T13:11:10","date_gmt":"2021-03-28T13:11:10","guid":{"rendered":"https:\/\/tschechinatorin.de\/?page_id=324"},"modified":"2021-03-28T13:31:52","modified_gmt":"2021-03-28T13:31:52","slug":"meine-erinnerung-an-den-eisernen-vorhang","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/tschechinatorin.de\/index.php\/meine-erinnerung-an-den-eisernen-vorhang\/","title":{"rendered":"Meine Erinnerung an den Eisernen Vorhang"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-text-color\" style=\"color:#b71f3b\"><em>Zuversichtlich schaue ich in die Zukunft, zuversichtlich betrachte ich die nachbarschaftlichen Beziehungen unserer L\u00e4nder. Doch ehe ich in meiner zukunftsorientierter Arbeit fortfahre, m\u00f6chte ich erst fl\u00fcchtig zur\u00fcckblicken. Wie nahm ein kleines Kind die n\u00e4he des Eisernes Vorhangs wahr? Ich zeige Ihnen einen anderen Blickwinkel auf das Leben in der Grenzregion vor der Wende\u2026<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-color\" style=\"color:#7a5148\">Diese kurze Erinnerung widme ich in memoriam allen \u201eeinfachen\u201c Menschen, die ihr Leben hinter dem Eisernen Vorhang durchlebten und denen die gekr\u00fcmmten Wege ihres Schicksals nicht mehr erm\u00f6glichten, hinter eine verrostete Schranke zu treten.<br><br>Die ersten Jahre meines Lebens verbrachte ich in der N\u00e4he des Eisernes Vorhangs. Greifbar nah. Ich lebte in A\u0161 (Asch). Die westlichste Stadt Tschechiens liegt im sog. Ascher Zipfel, den die Staatsgrenze von drei Seiten umgibt.<br>Bereits damals, als ich noch ein kleines Kind war, gab es sehr hei\u00dfe Sommertage. Autos hatten wir nat\u00fcrlich nicht, also pendelten wir oft mit einem kleinen Zug, der nur aus einem Wagon bestand, zwischen A\u0161 und Stud\u00e1nka (auf Deutsch Sch\u00f6nbrunn). Das kleine Dorf, in dem sich ein gro\u00dfer Badeweiher befand, liegt 10 km westlich von A\u0161 entfernt. Die Zugfahrt am\u00fcsierte mich in meiner Kindheit genauso viel, wie das Badevergn\u00fcgen im Sch\u00f6nbrunner Teich. Daher liebte ich die Fahrt dorthin, daher sind meine Erinnerungen nach ungef\u00e4hr 35 Jahren immer noch so klar, als w\u00e4re es erst vorige Woche geschehen.<br><br>Wir stiegen immer in der Station A\u0161-Vorstadt ein und aus. Das war kein Bahnhof, sondern nur eine kleine Station im Vorort. Am Bahnsteig stand ein kleines verlassenes H\u00e4uschen. Der alte sch\u00e4bige Putz fiel von den W\u00e4nden ab und im ehemaligen Vorgarten wucherten wilde Hecken, Brennnesseln und Kletten. Bereits als Kind liebte ich dieses Ort. Vieles deutete n\u00e4mlich darauf hin, dass sich hier eine belebte Ortschaft befand. Einst lebte in dem kleinen H\u00e4uschen ein Eisenbahner mit seiner Familie. Vielleicht luden hier sogar G\u00fcterz\u00fcge ihre Fracht ab. Bis zu den Schienen f\u00fchrte n\u00e4mlich eine alte, aber auff\u00e4llig breite Stra\u00dfe, die gro\u00dfe, uralte Kastanien umgaben. Hinter dem Bahn\u00fcbergang wurde der Weg pl\u00f6tzlich viel enger, eine schwere und rostige Schranke hinderte den Zutritt. Dort f\u00fchrte die Kastanienallee noch einige hundert Meter weiter, bis sie in der Landschaft verschwand. Wir standen am Bahnsteig, nur wenige Meter von der Schranke entfernt und warteten auf den Zug. Neugierig fragte ich meine Mama: \u201eWohin f\u00fchrt dieser Weg?\u201c \u201eDort ist die Staatsgrenze\u201c, erkl\u00e4rte sie. \u201eDort lauern versteckte Soldaten. Wenn du hinter die Schranke gehen w\u00fcrdest, w\u00fcrden sie dich erschie\u00dfen\u201c, f\u00fcgte sie trocken hinzu. Ihre Antwort stellte mich zufrieden. Ich stellte mir vor, dass die uniformierten M\u00e4nner mit den Gew\u00e4hren hinter den breiten Baumst\u00e4mmen in der Kastanienallee hocken, und h\u00e4tte nie einen einzigen Schritt hinter die Schranke gewagt.<br><br>W\u00e4hrend der Fahrt schaute ich raus aus dem gro\u00dfen, verschmutzten Fenster. Tausende Samen des Weidenr\u00f6schenkrauts schwebten durch die L\u00fcfte. Am Zug vorbei flogen sie \u00fcber die wilden, trockenen Heiden. (Damals ahnte ich nicht, dass es noch vor circa vierzig Jahren ein fruchtbares Ackerland war, auf dem der flei\u00dfige Bauer im Schwei\u00dfe des Angesichts sein t\u00e4gliches Brot verdiente, genauso wie unz\u00e4hlige Generationen seiner Vorfahren.) Wie kleine Fallschirme brachte das \u00f6stliche Augustl\u00fcftchen die kleinen Samen in die Ferne, \u00fcber die breiten W\u00e4lder, bis zu den geraden Linien, die das weite Naturgel\u00e4nde zerschnitten und die ich w\u00e4hrend der Zugfahrt hin und wieder in der Ferne erblickte. Das war die Grenzlinie, der Eiserne Vorhang. Schnurstracks und schnell baute das Milit\u00e4r vor einigen Jahrzehnten schmale Wege auf, entlang der Staatsgrenze. Entweder wurden sie aus billigem Asphalt errichtet oder aus gro\u00dfen Betonplatten, die einfach nur nebeneinander gelegt wurden. Vermutlich waren es die gleichen Betonplatten, die damals auch beim Ausbau der Plattensiedlungen benutzt wurden. Neben diesen unendlichen, schrecklich geraden Wegen standen unendliche W\u00e4nde aus den Stacheldr\u00e4hten. Dort wimmelten Soldaten der Grenzkompanie, streng bewaffnet und oft in Begleitung von dressierten Sch\u00e4ferhunden und tschechoslowakischen Wolfshunden. Die verbotene Zone lag nur wenige Kilometer hinter den Gleisen. Aber damals machte ich mir keine Gedanken dar\u00fcber, ich freute mich auf die Abk\u00fchlung im Sch\u00f6nbrunner Weiher und beobachtete w\u00e4hrend der Fahrt, wie der Wind die seidenhaarigen Samen des (damals bei uns zwar allgegenw\u00e4rtigen, aber dennoch unbekannten) Heilkrauts spielerisch nach Westen fortbrachte &#8211; die Natur kennt keine Grenzen.<br><br>Meine jungen Eltern wurden bereits in den Kommunismus hineingeboren. Als sie in der Grenzregion heranwuchsen, wurde die Anwesenheit des Milit\u00e4rs zur Normalit\u00e4t. Zu Beginn der russischen Okkupation (August 1968) war meine Mutter erst acht Jahre alt. Sie kannte es nicht anders. \u201eSo ist es halt\u201c, pflegte man zu sagen.<br><br>Im Jahre 1990 traten wir das erste Mal hinter die rostige Schranke, die alsbald verschwand, an den gewaltigen Kastanien vorbei. Als ich erfuhr, dass die Welt an dieser Schranke nicht endet, war ich erst acht Jahre alt. Die Generation meiner Eltern verbrachte ihr halbes Leben hinter dem Eisernen Vorhang, viele aus der Generation meiner Gro\u00dfeltern ihr ganzes Leben.<br><br>Gedenken wir heute gemeinsam all derjenigen h\u00fcben und dr\u00fcben, denen ihr Schicksal nicht mehr g\u00f6nnte, durch die Kastanienallee zu gehen, einfach hin und wieder zur\u00fcck.<br><br>Unsere zwei L\u00e4nder verbinden heutzutage sch\u00f6ne, gekr\u00fcmmte Wege. Sie f\u00fchren durch die malerischen Landschaften, in denen die Natur triumphierend \u00fcber die Grenzen w\u00e4chst, die einst der Mensch erschuf, in l\u00e4ngst vergangenen Zeit.<br><br><em>Mit Respekt zur Mutter Erde,<br>mit Achtung zu unseren Vorfahren,<br>mit Liebe zu unseren Nachkommen<\/em><br><br>errichten wir Hand in Hand ein imagin\u00e4res Denkmal der ferner Vergangenheit. Bewahren wir<br>CZusammen die sch\u00f6n gekr\u00fcmmten Wege als Merkmale unserer Zeit, als Merkmale unserer<br>Freiheit.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/tschechinatorin.de\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/willowherb-480022_1920-Kopie-1024x768.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-336\" width=\"1180\" height=\"885\" srcset=\"https:\/\/tschechinatorin.de\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/willowherb-480022_1920-Kopie-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/tschechinatorin.de\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/willowherb-480022_1920-Kopie-300x225.jpg 300w, https:\/\/tschechinatorin.de\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/willowherb-480022_1920-Kopie-768x576.jpg 768w, https:\/\/tschechinatorin.de\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/willowherb-480022_1920-Kopie-1536x1152.jpg 1536w, https:\/\/tschechinatorin.de\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/willowherb-480022_1920-Kopie.jpg 1920w\" sizes=\"(max-width: 1180px) 100vw, 1180px\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p class=\"has-text-color has-small-font-size\" style=\"color:#7a5148\"><em><br>(Bildquelle: pixabay.com)<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zuversichtlich schaue ich in die Zukunft, zuversichtlich betrachte ich die nachbarschaftlichen Beziehungen unserer L\u00e4nder. 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